Digital Amok: WTO Special


Dezember 18, 2005

Beim WTO-Special sitzen Sie in der ersten Reihe.

Veröffentlicht unter Hongkong 2005 von sb um 12:10 Uhr

Ein Augenzeugenbericht von den Demonstrationen am 17.12.2005 in Hong Kong

Ein Beitrag von Sina Waidelich

Hi Ihr!

Mein Gott, hier ist der Ausnahmezustand ausgebrochen! Das ganze Stadtviertel, in dem die Konferenz statt findet, ist lahm gelegt. Die Häuser, Shops und Restaurants sind verrammelt, der Verkehr lahm gelegt, alle Straßen gesperrt, tausende von Polizisten überall, U-Bahnstationen dichtgemacht….seit gestern Nachmittag liefern sich rund um das Convention Center Polizisten und Demonstranten Straßenschlachten mit Knüppeln, Shotguns, Pfefferspray, Tränengas…(hab mir zum Glück schlauerweise nach der Eröffnungsdemo am Dienstag, bei der ich eine ordentliche Ladung Pfefferspray nicht nur direkt in die Augen bekommen hatte, sondern von oben bis unten total voll war mit dem Zeug, zumindest ne Schwimmbrille zugelegt, das Dreckszeug brennt einfach so höllisch und vor allem stundenlang (von der Dusche abends gar nicht zu sprechen)!

Selten hab ich so eine krasse Atmosphäre erlebt wie gestern Abend! Hatte irgendwie was von Weltuntergang, Pestausbruch oder Krieg…Polizeisirenen, Helikopter, das Schreien, Trommeln und Singen der Demonstranten, die Schlachtrufe der Polizei, der ganze Qualm vom Tränengas, die leergefegten, zum teil verwüsteten Straßen von Wan Chai (so heißt das viertel hier), die verrammelten Häuser, die gut gepolsterten, behelmten Polizisten, die zum teil in zehn reihen hintereinander mit strammem Schritt und kaltem Blick unter ihren Visieren, mit Schlagstöcken und den Ganzkörper-Plastikschutzschildern, wie eine Armee Richtung Convention Center marschierten, um diejenigen, die trotz heftigem, großflächigem Tränengaseinsatz nicht aufgeben wollten, einzukesseln.

Faszinierend und ein menschlich unglaublich beeindruckendes Erlebnis war die fast herzzerreißende Solidarität zwischen den Demonstranten. Die Koreaner immer in anführender und koordinatorischer Position, gefolgt von Indern, Indonesiern, Filipinos, Taiwanesen, Kambodschanern…ich kann wohl kaum die vielen Nationalitäten aufzählen.. Menschen aus der ganzen Welt und mit vollkommen unterschiedlichem Hintergrund kämpften für dieselben Ideale. Die Hong Konger Zivilbevölkerung versorgte uns mit Wasser (vor allem zum ausspülen der Augen, was leider nicht viel bringt) und Essen, und zeigten uns versteckte Hintertüren, um dem verbarrikadierten und abgesicherten Convention Center so nah wie möglich kommen zu können. Nachdem es den Demonstranten gegen Abend dann gelungen war, die Absperrgitter an sich zu reißen, die vielen Versuche die Polizeiketten mit Leibeseinsatz zu durchbrechen aufgrund von Schlagstöcken und Pfefferspray (trotz allgemeiner Vermummung, und wenn es nur Frischhaltefolie war) aber trotzdem alle erfolglos blieben, bauten die Koreaner, während ihre weiblichen Begleiterinnen zu rhythmischen Trommelschlägen unermüdlich tanzten, aus den Gittern einen großen Metallkeil. Als dieser dann eingesetzt wurde, kam es leider zur Eskalation. Die Polizei feuerte jede Menge Tränengassprengkörper mitten in die Menschenmenge ab, und schaffte es so uns erstmal in die Fflucht zu schlagen. Gemeinsam mit Olly, Walden Bello, Jose Bové und dem Handelsminister von Venezuela hatten wir in der ersten reihe gestanden, also die volle Ladung abbekommen. Ich war echt froh über meine Brille, aber man bekommt eben absolut keine Luft mehr, und es dreht einem auf der stelle den Magen herum, was unweigerlich dazu führt, dass sofort Panik ausbricht und jeder einfach nur noch versucht, irgendwie weg zu kommen, man hat wirklich das Gefühl zu ersticken…alle rannten auseinander!

Nachdem ich mich zusammen mit Walden Bello (er war der einzige aus unserem Trüppchen, der noch bei mir war) würgend, hustend und japsend ausgekotzt hatte (entschuldigt die Ausdrucksweise) fand ich wenigstens Olly wieder, Chris war unauffindbar. Erstaunlich schnell und mit Entschlossenheit formierten sich (na klar, wieder erstmal vor allem die Koreaner, bald aber auch Andere) die Demonstranten wieder, fingen an zu Singen, zu Trommeln, und die restlichen Fahnen, die das ganze überlebt hatten, zu schwenken. Nachdem wir Chris trotz ausgiebiger Suche nach ca. einer Stunde immer noch nicht wieder gefunden hatten, machten Olly und ich uns auf den Rückweg, um ihn im Hotel zu treffen, da die Polizei schon damit beschäftigt war, uns einzukesseln. Ganze Armeen kamen uns auf dem weg zur U-Bahnstation des nächsten Stadtviertels, wo sich das Polizeihauptquartier befindet (in Wan Chai selbst war alles dichtgemacht worden), entgegen.
Unser Glück, denn die Polizei hat ihre Blockade aufrechterhalten. Bald kam man weder mehr rein noch raus. So saßen viele die ganze eisigkalte, windige Nacht auf offener Straße, ohne Essen, trockene, warme Kleidung, ohne irgendwelche Toiletten (zumindest für Frauen war das wohl ein echtes Problem).Und das, obwohl zum Teil sogar Verletzte unter ihnen waren.

Gegen vier Uhr nachts fanden dann Massenverhaftungen statt. Unter den Verhafteten befanden sich hauptsächlich Koreaner, aber auch Inder, Indonesier und andere Südostasiaten, ein Baske und ein Amerikaner. Viele sind immer noch in Untersuchungshaft und können bis zu 48 stunden festgehalten werden, obwohl die meisten heute Abend schon nach hause fliegen wollten, die Flüge sind ja schon gebucht. Uns wurde berichtet, dass die Polizisten wohl auch teilweise ziemlich brutal vorgegangen sind, die Demonstranten wurden mit viel zu eng gezurrten Plastikstrippen gefesselt, bekamen weder zu Essen noch zu Trinken, und wurden wohl auch geschlagen (auch die Frauen unter ihnen).
Allgemein gab es wohl gestern im Laufe des Tages einige Verletzte, zum Teil auch schwer, so dass sie intensive medizinische Behandlung benötigten. Es ist noch unklar, was weiter mit ihnen vorgesehen ist.

Erschreckend ist, wie wenig von der Verzweiflung und dem unglaublichen Mut der Demonstranten bis ins innere des Convention Centers gelangt, wo die Verhandlungen stattfinden. Falls doch mal dank der Medien etwas zu ihnen durchsickert, tun sie die Demonstranten wohl als linke Spinner und Störenfriede ab, die eben einfach keine Ahnung von allem haben.

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